System hat nicht mehr funktioniert (HAZ vom 12.12.19)

Für manche Eltern wird der Besuch in der neuen Kooperativen Eingangsstufe (KES) der Ernst-Reuter-Schule (KGS) Pattensen vermutlich ein kleiner bis mittelgroßer Kulturschock sein. Einige Kinder aus dem fünften Jahrgang schlendern während einer Schulstunde in Richtung des Auditoriums, andere liegen auf Matten in den Gängen. In den Unterrichtsräumen selbst sind überall Kleingruppen zu sehen, die gemeinsam an etwas arbeiten. Laut ist es jedoch nicht. Alle sind beschäftigt.

Das neue in diesem Schuljahr für die Jahrgänge fünf bis sieben eingeführte Modell der Kooperativen Eingangsstufe sticht besonders durch zwei Aspekte hervor: Die Lehrer gehen individueller auf jeden Schüler und seinen persönlichen Entwicklungsstand ein. Gleichzeitig wird von den Schülern mehr Eigeninitiative als zuvor gefordert. Der didaktische Leiter Ulrich Ziehn spricht vom sogenannten Beziehungslernen, das Empathie und gegenseitige Wertschätzung betont.

Kaum noch Frontalunterricht

„Wir haben den Frontalunterricht zum großen Teil aufgegeben. Das alte System hat nicht mehr funktioniert“, erläutert Ziehn. Frontalunterricht bezeichnet das Modell, in dem der Lehrer für alle einheitlich etwas erläutert und die Schüler zuhören. Nicht alle können diesem Unterricht jedoch folgen – schon allein, weil jeder in einem anderen Tempo lernt, sagt Ziehn. Stattdessen gibt es jetzt definierte Wochenziele, die jeder Schüler erreichen muss. Die nötige Zeit dafür kann er jedoch deutlich freier gestalten als zuvor. Die Fortschritte werden in individuellen Lernmappen festgehalten.

Beweisen müssen sich die Schüler nicht mehr nur in Klassenarbeiten, sondern auch in selbst oder im Team erstellten Präsentationen. Die Unterrichtsziele müssen nach wie vor erreicht werden. Nur die Wege dorthin sind differenzierter. „Elemente des klassischen Frontalunterrichts gibt es auch noch“, sagt Ziehn. Der Lehrer erläutert die Grundlagen, und dann werden die Schüler selbst aktiv.

 

Viel Zeit für Gruppenarbeit

Um ihre Projekte vorzubereiten, bekommen die Schüler dann auch die nötige Zeit. So gibt es täglich eine sogenannte Meile-Stunde, was für „Meine Lernzeit“ steht. Dort können sich die Kinder für Gruppenarbeiten im Klassenraum zusammensetzen oder sich mit den in jedem Raum liegenden Matten an einen anderen Ort innerhalb der Schule zurückziehen. Weiterhin steht jeweils vier Schülern einer Klasse pro Tag das Auditorium zur Verfügung. Dort können Schüler dann abseits der Klasse in Ruhe bestimmte Themen recherchieren. Ziehn betont, dass die Schüler jedoch immer noch rund um die Uhr betreut werden. Zur Beschreibung nutzt er eine Metapher. „Wir geben Wände vor. Das ist auch nötig, damit die Schüler sich den Raum ertasten können“, sagt er.

Die Schüler können auf verschiedenen Wegen äußern, was ihnen gefällt und was nicht. Einmal in der Woche gibt es in jeder Klasse eine Feedbackstunde, in der die Lehrer in Einzelgesprächen mit den Schülern besprechen, wie die Woche gelaufen ist. „Wir erfahren so viel mehr von den Schülern und ihrer Lebenswelt. So gibt es manchmal auch private Gründe, weshalb einzelne Schüler in einer Woche besonders still waren“, sagt Ziehn. Zusätzlich zu den Gesprächen innerhalb der Klasse gibt es regelmäßig Treffen zwischen Lehrern und Klassensprechern.

 

Gemeinsam bis zur siebten Klasse

Neu ist auch, dass Schüler aller Schulzweige bis zum siebten Jahrgang in einer Klasse bleiben. Für die Schüler hat das den Vorteil, dass sie beim Wechsel eines Schulzweigs nicht auch die Klasse wechseln müssen. „Etwa 10 Prozent der Kinder werden für den gymnasialen Zweig gemeldet, obwohl die Realschule zumindest zu dem Zeitpunkt geeigneter wäre“, sagt Ziehn. Umgekehrt sei es so, dass einige Kinder im fünften und sechsten Jahrgang noch einen Sprung machen und vom Hauptschul- in den Realschulzweig oder vom Realschulzweig zum gymnasialen Zweig wechseln können.

Die Klassenarbeiten schreiben die Schüler auf dem Niveau des Schulzweigs, für den sie angemeldet sind. Die Bewertung der Präsentationen basiere unter anderem auf der Verwendung von Fachsprache. „Die Anforderungen an Schüler aus dem gymnasialen Zweig sind höher als für Schüler aus dem Hauptschulzweig“, sagt Ziehn. So bekommen Hauptschüler in einer Präsentation bei gleicher Leistung wie der eines Gymnasiasten eine bessere Note als dieser. Akzeptieren die Schüler das? „Einiges muss sich noch einspielen, doch bis jetzt läuft es“, sagt Ziehn.

Die Schule hat für das Modell nur diejenigen Lehrer eingesetzt, die sich freiwillig dafür gemeldet haben. Jahrgangsleiterin Astrid Bollmann sagt, dass die neue Unterrrichtsart von den Lehrern viel Engagement, Flexibilität und Mut erfordere. „Am Ende gilt: Wenn es den Lehrern gut geht, geht es auch den Schülern gut“, sagt sie.

Rund 25 Lehrer, etwa ein Viertel der Belegschaft, engagieren sich in der Kooperativen Eingangsstufe. Viele werden möglichst oft innerhalb einer Klasse eingesetzt. „Wir achten darauf, dass die Klassen nicht für jedes Fach einen anderen Lehrer haben“, sagt Bollmann. Das sorgt zum einen für eine engere Bindung von Lehrer und Schüler und ermögliche zum anderen den Lehrern mehr Flexibilität. „Wenn zum Beispiel ein Lehrer Deutsch und Englisch unterrichtet und am nächsten Tag eine Englischarbeit ansteht, kann er sich spontan entscheiden, statt der geplanten Deutschstunde noch eine englische Einheit zu unterrichten“, sagt Bollmann.

Lob von Schülern

Die aktuellen Fünftklässler loben die Unterrichtsform. „Wir müssen schließlich auch selbstständig werden“, sagt der zehnjährige Sirius, einer der Klassensprecher aus dem fünften Jahrgang. Dennoch übt er auch Kritik. „In den freien Arbeitszeiten wissen manchmal nicht alle, was sie machen sollen“, sagt er. Ziehn erläutert, dass jede Unterrichtsform immer in Entwicklung sei und noch verbessert werden kann. Deshalb werde dem Feedback so eine große Rolle eingeräumt. Eltern können den Unterricht auf Anfrage besuchen. „Das war vorher auch schon möglich“, sagt Ziehn. „Doch gerade bei diesem neuen Modell weisen wir noch einmal explizit darauf hin.“

Text/Bilder: Tobias Lehmann, HAZ