„Demokratie muss man erleben und mitgestalten können“ (HAZ vom 21.11.20)

Eine Stunde mit …

Mirjam Gerull, Schulleiterin der KGS und Verfechterin innovativer Bildungskonzepte

 

Pattensen. Von wem könnte folgende Aussage stammen: „In einer Woche Maschseefest lernt Ihr mehr fürs Leben, als in einer Woche Schule.“ Antwort: Mirjam Gerull. Wer das wusste, hatte vermutlich schon Unterricht bei der Frau, die aus der Lüneburger Heide stammt und nach einem Lehramtsstudium der Fachrichtungen Mathe und Erdkunde sowie einem Referendariat in Peine 2011 nach Pattensen kam, um zu unterrichten. 2015 stieg Mirjam Gerull dann zur stellvertretenden Schulleiterin auf. Und seit Ende 2019 ist sie Schulleiterin der KGS, lebt diese Rolle regelrecht: jung, frisch und dynamisch.

In diesem Moment nimmt die 35-Jährige auf der Couch in der sogenannten „Oase“ Platz. Hier war zunächst ein neues Lehrerzimmer geplant, doch nun bietet der Raum, der mit viel Farbe und gemütlichen Sitzgelegenheiten auch als Eingangsbereich eines amerikanischen Tech-Konzerns durchgehen könnte, Schülerinnen und Schülern in den Pausen eine bunt gestaltete Rückzugsmöglichkeit – einladend und kreativ. Dieser Ort spiegelt auch die Haltung der insgesamt achtköpfigen Schulleitung wieder, die die Geschicke von 1000 Schülern und 100 Lehrern lenkt.

Mit wichtigen Fragen, zum Beispiel: „Was bringen wir den Schülern künftig bei, in einer globalisierten Welt, mit aufkommender künstlicher Intelligenz und Co.?“ Gerull erinnert: „Das, was wir bislang inhaltlich im Fokus hatten, stammt noch aus dem Industriezeitalter, als es darum ging, Menschen zu trainieren, nach einem bestimmten Schema Arbeiten zu verrichten.“ Seitdem habe sich in der Bildungslandschaft kaum etwas getan. Bis Corona kam.

Rasante Digitalisierung

Im vergangenen Jahr noch hatte das Lehrerkollegium, allen voran die Führung, darüber sinniert, wie man die Komfortzone verlassen könne. Ganz einfach: „Mit Tablet-Klassen, Online-Unterricht, Zoom-Konferenzen und digitalen Elternabenden.“ Was für viele neu ist, war in der KGS längst in der Anbahnung. „Nur geht jetzt alles noch viel schneller als geplant“, sagt Gerull, der es große Freude bereitet, Projekte im Team voranzubringen.

Einige seien durch die Situation ins Stocken gekommen: das Projekt „Herausforderung“ zum Beispiel. Dabei ginge es darum, dass sich Schüler zwei Wochen begleitet auf den Weg machen, ohne Handy, aber mit 150 Euro in der Tasche. Ob sie als Kanufahrer oder Musikband zurückkommen, bleibt ihnen überlassen. Es zähle der Gedanke des Teamaufbaus. „Die Schule prüft sonst nur Einzelleistung“, erklärt die Pädagogin. Dabei komme der Teamgedanke zu kurz. Das soll sich zu gegebener Zeit ändern.

Und auch wenn es momentan eine enorme Herausforderung sei, Kollegen, Schüler und Eltern mit unterschiedlichen Gefühlslagen auf einen Nenner zu bringen, die Angst verspürten oder sich unbeteiligt fühlten: Beschriftete Pappwürfel erinnern die Schulleiterin an die ausgerufenen globalen Ziele der KGS, die essenzielle Bausteine für viele Projekte sind. „Demokratieerfahrung macht man nicht mit Arbeitsblättern“, kommentiert sie die Inhalte und fügt hinzu, „das muss man erleben und mitgestalten können.“ Dass die Schulleitung die Individualität ihrer Schützlinge auf dem Zettel hat, stimmt Eltern zufrieden. „Kinder auf Noten zu reduzieren, kann eine Persönlichkeitsabwertung sein“, erklärt Gerull und wünscht sich, „dass es bewertungsfreie Räume gibt, in denen Kinder und Jugendliche so sein dürfen, wie sie sind.“ Willkommen in der Schule der Zukunft.

Text/Bild: Elena Siegmund und Marian Prill