Großes Drama in der Eisfabrik (HAZ vom 23.07.21)

Elf Schüler der KGS Pattensen führen das Stück „Crystals Case“ in Hannover
auf / Drehbuch basiert auf einem Roman der Autorin Joanne K. Rowling

Pattensen. Alte Fotos zeigen Aufnahmen einer scheinbar glücklichen Kindheit. Jungen und Mädchen, spielend, lachend. Dann setzt der melancholisch-schwere Gesang von Jim Morrison ein, der den Doors-Song „The Crystal Ship“ vorträgt. Das düstere Lied mag nicht so richtig zu den auf der Leinwand gezeigten Bildern passen. Irgendetwas stimmt nicht. Mit diesem Eindruck beginnt das Theaterstück „Crystals Case“, das elf Schülerinnen und Schüler der KGS Pattensen aus den Jahrgängen sieben bis zwölf unter der Leitung von Petra Schmitmeier in der Eisfabrik in Hannover aufgeführt haben.

Das Drehbuch hat Schmitmeier als Leiterin des Kurses Darstellendes Spiel selbst geschrieben. Es basiert auf dem Roman „Ein plötzlicher Todesfall“ von Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling. „Von der Romanvorlage sind aber im Grunde nur die Figuren und die zu Beginn vorliegende Handlungssituation geblieben“, sagt Schmitmeier.

Als die Proben für das Stück nach den Osterferien begannen, befand sich Deutschland im Corona-Lockdown. Dort war noch nicht abzusehen, ob das Stück live aufgeführt werden kann. Deshalb wurde es zunächst als Film geplant.

„Das war großartig“

„Die Schüler werden im Stück in einer Verhörsituation dargestellt. Für den Film sollten alle einzeln auf einem Stuhl sitzen und dabei gefilmt werden“, sagt Schmitmeier. So hätten sie sich zum Schutz vor dem Coronavirus auch gegenseitig gar nicht begegnen müssen. Dann entspannte sich die Pandemielage jedoch, und der Auftritt in der Eisfabrik wurde möglich. „Das war natürlich großartig. Für die Schülerinnen und Schüler ist der Auftritt auf der Bühne vor Publikum immer der Höhepunkt des Kurses“, sagt Schmitmeier.

Die zuvor geprobte Konstellation bleibt auch in der Liveaufführung bestehen. Auf der Bühne nehmen die Schüler auf zehn etwas auseinanderstehenden Stühlen Platz. Die elfte Schauspielerin ist auf der Bühne gar nicht zu sehen. Sie leitet das Verhör aus dem Off. „Es ist das textlastigste Stück, das ich je geschrieben habe. Dafür gibt es umso mehr Drama“, sagt Schmitmeier. Das hätten sich die Schülerinnen und Schüler in einem Workshop noch kurz vor Beginn der Corona-Krise gewünscht.

Das Stück handelt davon, dass in der fiktiven englischen Kleinstadt Pagford ein kleiner Junge ertrunken ist. Die Hintergründe werden in den Verhören nach und nach aufgedeckt. Dabei wird auch deutlich, dass Menschen fast immer nur Ausschnitte anderer Leben sehen und sich selten die Zeit nehmen, einmal genauer hinzuschauen. Doch wer ist denn nun diese 16-jährige Crystal, die immer sorgsam darauf achtet, dass die Ärmel bis zu den Handgelenken herunter reichen und deren kleiner Bruder ertrunken ist, während sie wenige Meter entfernt im Gebüsch Sex mit einem Mitschüler hatte?

Ihre Freunde und Bekannte beschreiben sie unterschiedlich, etwa als „das Mädchen aus der Unterschicht“ oder als Sexobjekt. Andere loben wieder ihre Führungsqualität als Leiterin des Ruderteams. Die komplette Geschichte entblättert sich erst, als ganz am Ende Crystal selbst zu Wort kommt. Sie spricht abgehackt und distanziert über eine erlittene Vergewaltigung in ihrem eigenen Haus. „Küche. Linoleumboden. Keine Chance.“ Nachdem das Licht auf der Bühne dann bereits erloschen ist, hören die Zuschauerinnen und Zuschauer noch Szenen aus der Kindheit von Crystal. Und es bricht einem das Herz.

Stück ist online abrufbar

„Ich wollte zeigen, was mit Kindern passieren kann, wenn sie nicht gesehen und nicht gehört werden“, sagt Schmitmeier. Das ist ihr eindrucksvoll gelungen. Wer sich davon selbst überzeugen will, kann das Stück noch bis Anfang August als Stream im Internet unter www.dringeblieben.de für eine Gebühr von 5 Euro ansehen.

Text/Bild: Tobias Lehmann (HAZ)