Toleranz allein reicht nicht (HAZ vom 25.10.22)

Soziologe und Fanforscher Gunter A. Pilz fordert bei Besuch in KGS couragiertes Verhalten bei Mobbing und Rechtsextremismus

Pattensen-Mitte. Wenn Johann Wolfgang von Goethe in der KGS Pattensen zitiert wird, hält sich die Begeisterung bei Schülerinnen und Schülern vermutlich meist in Grenzen. In diesem Fall war es anders. Der Soziologe und bundesweit bekannte Fanforscher Gunter A. Pilz zitierte den Dichter. „Toleranz sollte eine vorübergehende Gesinnung sein. Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“ Man müsse sich mit anderen Menschen anderer Herkunft befassen, sich mit ihnen auseinandersetzen. Im Rahmen des Projekts „Sei eine Stimme“ ist Pilz an die Ernst-Reuter-Schule in Pattensen gekommen. Er sprach mit Schülerinnen und Schülern über Erfahrungen mit Rechtsextremen und Gewalt auf Fußballplätzen.

Pilz schilderte eine frühere Begegnung mit einer Gruppe junger Menschen, die an einem Baggersee ausländerfeindliche Parolen losließen. Immer wieder habe er die Personen gefragt, weshalb sie so etwas sagen. Einer der Männer erläuterte es. „Bei mir in der Straße wohnt ein Fidschi, der hat ein Auto. Ich habe keins, das kann doch nicht sein“, zitierte ihn Pilz. Die Antwort des Soziologen: „Das ist aber noch lange kein Grund, ihn zu verprügeln.“ Das Gespräch habe sich weiter fortgesetzt und am Ende habe Pilz ein Dankeschön von dem Mann ihm gegenüber gehört. „Endlich hört uns mal jemand zu“, habe dieser gesagt.

Austausch auf Augenhöhe

Damit wollte der Experte den zuhörenden Oberstufenschülerinnen und -schülern in Pattensen verdeutlichen, nie jemanden im Vorfeld zu verurteilen. „Viele versuchen, ihre Alltagsprobleme mit einer rechten Ideologie zu überspielen.“ Mit ei-nem ehrlichen und offenen Austausch auf Augenhöhe könnten diese innerlich unsicheren Menschen, noch gesellschaftlich eingefangen werden. Dafür sei es allerdings wichtig, seine Stimme zu erheben. „Seid mutig und couragiert“, sagte Pilz zu den ruhig zuhörenden Schülerin-
nen und Schülern. Es sei wichtig,
bei diskriminierenden und ausgrenzenden Kommentaren nicht wegzuhören. „Wenn jemand gemobbt wird, ist es wichtig, dass die Kinder den Blickwinkel der anderen Person einnehmen“, sagt Martin Rietsch. Der Moderator und Musiker hat das Projekt „Sei eine Stimme“ mit einer Wanderausstellung ins Leben gerufen.

Im Dialog merkte ein 15-jähriger Schüler an, dass er als Schiedsrichter beim Fußball tätig sei und die Gewalt auf dem Platz immer weiter zunehme. Pilz bedauerte dies. „Schiedsrichter geraten als unbeteiligte Personen immer mehr in Gewaltsituationen“, sagte er. Das führe zu einem erheblichen Problem: Immer weniger Menschen wollen als Schiedsrichter tätig sein, was wiederum zur Folge hat, dass der Kreis der guten Schiedsrichter entsprechend noch kleiner werde.

Veranstaltungen in der KGS

Pilz ist Schirmherr der Wanderausstellung „Sei eine Stimme“. Auf Plakatwänden standen Zitate von Menschen unterschiedlicher Herkunft, die sich zum Thema Rassismus und Ausländerfeindlichkeit sowie Diskriminierung im Allgemeinen äußerten. Diese Plakate waren bis kurz vor den Herbstferien in der Schule zu sehen. Ein paar wenige sind noch hängen geblieben. Das ganze Schuljahr über bieten die Organisatoren von „Sei eine Stimme“ Veranstaltungen in der KGS an.

„Steht zu euch“

Die Schule thematisiert diese Aspekte allerdings auch unabhängig davon. „Alle Klassen hatten sich die Ausstellung angeschaut“, sagte
die KGS-Sozialpädagogin Susanne Farkhar. Im Klassenverbund hatten sich die Schülerinnen und Schüler zudem zur Ausstellung und zum Thema Diskriminierung Gedanken gemacht und einen prägnanten Satz aufgeschrieben. „Wir sind alle Menschen“, schrieb die Klasse 8R1 auf, „Ausgrenzung verdient kein Mensch“, formulierte die 6a und „Steht zu euch“ appellierte die 7a. Diese A3-Plakate sollen ebenfalls in der Schule gut sichtbar aufgehängt werden.

Text/Bild: Mark Bode (HAZ)